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Champagner - Perlen ohne Glanz

Es gärt in der Champagne – nicht nur in den Flaschen. Man erwartet für die nächsten Jahre revolutionäre, schon längst fällige Neuerungen. ROLLING PIN schaut sich kritisch um in der Wiege der Luxusperlen.
Fotos: Werner Krug, Moët & Chandon, beigestellt
Würden Sie Bordeaux aus der Schweiz akzeptieren? Eine Frage, die so blöd klingt, dass sich nicht einmal ein „Nein“ über Ihre Lippen quält? In wenigen Jahren wird die länderübergreifende Produktion von Schampus aber Realität – abgesehen von bereits existierenden Engagements, wie z. B. in Südamerika oder Spanien. Große Handelshäuser erstehen zurzeit ausgedehnte Ländereien in Südengland. Der Klimawandel, der Golfstrom, die Erderwärmung schaffen für den Weinbau – so argumentiert man dann gerne – ähnliche Rahmenbedingungen wie im originalen Ursprungsgebiet. Da lachen ja die Hühner in der Sektflöte! Wir vemuten gänzlich andere Beweggründe hinter der Okkupation. Zum einen belegen Marktstudien über die Zukunft des Weinhandels, dass dem Konsumenten der Markenname wichtiger ist als die Herkunft. Zum anderen wird der Platz rar im nördlichsten Anbaugebiet Frankreichs. Die ca. 34.000 ha in den Departements Marne (ungefähr 60 % der Fläche), Aube (20 %) und Aisne (10 %) reichen für die bläschensüchtige, globale Klientel schon lange nicht. Gemüse- und Getreidebauern lachen sich ins Fäustchen angesichts von Preisen ab 1 Mio. Euro für einen Hektar. Fragt sich nur, auf welchem Feld denn hinkünftig Pinot meunier (die meistangebaute Champagnertraube), Pinot noir und Chardonnay ausgepflanzt werden dürfen. Nicht, dass es keine Grundlagenforschung gäbe. Das Mastermind hinter dem Langzeitprojekt „Zonage“, der Agraringenieur Laurent Panagaï, fand wenig Freunde, als man vor kurzer Zeit beim Kongress der „Union des Œnologues de France“ in Reims seine Klassifikation diskutierte. Panagaï und seine Mitarbeiter haben über die ganzen Weinberge der Champagne einen 50-m2-Raster gelegt und dann diese Miniparzellen klassifziert. Auf dieser Basis würden natürlich viele Winzer ihre Premier- oder Grand-Cru-Klassifikation – und somit auch viel Geld – verlieren. Dazu muss man wissen: 17 Dörfer besitzen Grand-Cru-Status (sie erhalten 100 % des offiziell festgelegten Traubenpreises) und 41 sind als Premier-Cru (90–99 %) eingestuft. Der nächste Stolperstein auf dem Weg zur Topqualität! Wie kann denn das gesamte Terroir eines Dorfes über einen Kamm geschoren werden? Der oft zitierte beste Boden für Champagnertrauben – karg und mager mit mächtiger Kreideschicht darunter – macht nicht einmal 30 % der Gesamtrebfläche aus. Highnoon, um einmal terroiristischen Klartext zu sprechen. Was für das Burgund gilt, für Piemont oder die Wachau – wir zahlen gerne Höchstpreise, aber nur für rare Weine aus den besten Lagen.
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