Ausgabe 202, Kolumne

Paul Ivic: Sind Sie hier richtig?

Sternekoch und Veggie-Experte Paul Ivic über Gäste, die sich nicht damit beschäftigen, wo sie reservieren, und überrascht sind, wenn kein Fleisch auf der Karte ist.

Fotos: beigestellt

Eines vorweg: Es macht mich glücklich, wenn unsere Gäste unser Restaurant zufrieden und begeistert verlassen. Es versetzt mich in einen wahren Gefühlsrausch. Die Wertschätzung unserer Gäste ist eben ein wesentlicher Teil unseres Lohns. Wenn dann auch noch das Verhältnis zwischen Umsatz und getätigtem Aufwand stimmt, beruhigt es mich und glättet einige Sorgenfalten. Gibt es etwas Schöneres als Gäste, die bereits Wochen im Voraus reservieren? Ganz klar, Gäste, die dann auch tatsächlich kommen und ordentlich konsumieren. Besser geht es gar nicht.  Wenn ich ein Restaurant besuche, erkundige ich mich in aller Regel bereits im Vorfeld, um mir ein Bild zu machen, was ich mir erwarten darf. Warum sonst sollte ich einen Tisch reservieren? Um festzustellen, dass die Preise höher sind, als mir der Abend selbst wert ist? Um trotz einer Gemüsephobie ein vegetarisches Restaurant zu besuchen in der Hoffnung, doch ein Steak zu bekommen? Wohl kaum, oder etwa doch? Bedauerlicherweise bei uns kein Einzelfall, paradox, nicht wahr?  Doch weit gefehlt. Dass die Gäste nicht wussten, wo sie eigentlich reserviert haben, merkt man insbesondere daran, dass nach längerem und ungläubigem Studieren der Karte diesen schlagartig bewusst wird, wo sie hineingeraten sind. Ratlose Blicke in Richtung der Servicemitarbeiter, gepaart mit nach unten gezogenen Mundwinkeln einer Angela Merkel, die Augenlider fest zusammengepresst, um die Tränen der Verzweiflung zu unterdrücken. Dann die unvermeidliche Frage: „Gibt es denn hier kein Fleisch?“

24.02.2017