Ausgabe 067, Porträts

Holger Stromberg - Realsex statt Cybersex

TV-Star, Restaurant­besitzer, Buch­autor und Sternekoch des deutschen Fußballteams Holger Stromberg verlangt Hunger, Mut und Veränderung ohne sinnlose Sexperimente: „Molekularküche ist wie Cybersex.“

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Holger Stromberg hinter einem Aquarium "Widerlich!“ Stefan Raab verzieht sein Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse, nachdem er einen Schluck Mirin hinuntergewürgt hat. Und dann noch diese Sobanudeln, sehen aus wie Regenwürmer, der getrocknete Thunfisch riecht wie Fischfutter, die Sojabohnenpaste hat den Look von Fledermauskot und erst der langweilige Tofu. Wovon die Rede ist? Von den Zutaten zum Kickermenü von Holger Stromberg, Chefkoch der deutschen Fußballnationalmannschaft. TV-Total-Mann Stefan Raab zieht den Sternemann gerade – total – durch den Kakao. Stromberg bleibt cool, so cool wie Arnold Schwarzenegger, nachdem er eine Batterie Menschen terminiert hat. Sämtliche Spitzen prallen an Stromberg ab und er pariert wie aus der Hüfte geschossen. „Vielleicht wollen Sie einmal mein Beikoch sein? Ich suche noch einen“, kontert er dem TV-Anarcho, dabei guckt er ganz unschuldig. Das Selbstvertrauen stimmt. Schließlich geht Holger Stromberg gedopt in den Ring, die Anerkennung von Joachim Löw und seinen starken Männern ist ihm sicher. Nur einmal, bei einer Ente, ist’s passiert: Jogi rümpfte die Nase. Er soll einen feinen Geschmack haben, gegen Stromberg ist er kulinarisch natürlich ein Würstchen – und die Ente siegte. Jetzt lässt Jogi Stromberg solo stürmen und nur mehr Poldi & Co. nach seiner Pfeife tanzen.
Ein guter Koch ist laut, cholerisch, divenhaft, eitel – sagt zumindest das Klischee. Holger Stromberg ist das diametrale Gegenteil. Die Stimmung in der Truppe ist so locker wie in einem Jugendlager. Vor jedem Catering wird eine Hymne zum Aufheizen gesungen und wie vor einem Endspiel pushen sich alle gegenseitig. Schreien? Hat man den Sternekoch noch nie gehört. Obwohl Mister Nice Guy manchmal Grund dazu hätte – bei dem Programm. Der smarte Typ stemmt Schwergewichte in Schwarzenegger-Dimension. Zwei Restaurants und ein großes Cateringunternehmen führt er, Bücher schreibt er (ganz frisch Pure ­Cooking), eine ganze Menge Fernsehauftritte sind zu absolvieren und gerade entsteht eine Produktion mit hochwertigen Convenienceartikeln, die Strombergs eigene Fast-Food-Kette beliefern wird. Die erste Filiale soll noch heuer in Berlin öffnen, nächstes Jahr ist München angedacht. Was ihn echt aufregen kann, ist die Einstellung der Deutschen zum Essen. „Es gibt so viele Leute, die 400 Euro für eine Jeans ausgeben. Wie kann es dann sein, dass sie es nicht für wert befinden, 70 Euro für ein schönes Essen zu investieren?“, schimpft er ein bisschen, „aber gut, wenn man einen Porsche fährt oder Victoria-Beckham-Jeans trägt, sieht man das von außen sofort – das Essen nicht.“ Das Porsche-Feeling hat er sich allerdings auch nicht versagt, zumindest...

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24.06.2008