Roadkill Cuisine: Überragendes Überfahrenes

Auf der Straße gefundene Kadaver zu essen, klingt nicht sehr appetitlich. Hat Roadkill Cuisine zu Unrecht einen schlechten Ruf? Im (unfreiwilligen) Selbstversuch zeigte sich sogar ein Sternekoch beeindruckt.
Mai 13, 2022 | Text: Niko Zoltan | Fotos: Shutterstock/Kuzmin Mikhail

Frühmorgens sei die beste Zeit, um auf die Suche zu gehen, sagt John. Das, wonach er auf seinen Fahrten entlang englischer Motorways Ausschau hält, soll nicht zu lange in der Sonne liegen. Die Wahrscheinlichkeit, fündig zu werden, sei hoch, sagt er. Trotzdem dauert es vier Stunden, bis sein Begleiter, der Youtuber Max Fosch, den Wagen anhält. „Ich glaube, ich habe etwas gesehen.“ Er hat recht. Ein Prachtexemplar eines weiblichen Fasans liegt am Bankett. Er ist noch warm. Frischer geht’s nicht.

Frühmorgens sei die beste Zeit, um auf die Suche zu gehen, sagt John. Das, wonach er auf seinen Fahrten entlang englischer Motorways Ausschau hält, soll nicht zu lange in der Sonne liegen. Die Wahrscheinlichkeit, fündig zu werden, sei hoch, sagt er. Trotzdem dauert es vier Stunden, bis sein Begleiter, der Youtuber Max Fosch, den Wagen anhält. „Ich glaube, ich habe etwas gesehen.“ Er hat recht. Ein Prachtexemplar eines weiblichen Fasans liegt am Bankett. Er ist noch warm. Frischer geht’s nicht.

Fasan: 113 kcal / 3g Fett*

Farm to Table“ ist spätestens seit dem Sprung ins 21. Jahrhundert das Credo immer mehr umweltbewusster Köche. Seit Jahren gedeiht aber vielerorts der Trend zu einer noch radikaleren Art, Zutaten zu beschaffen: vom Straßenrand auf den Teller. Ob man es glaubt oder nicht, Roadkill – so werden im Englischen überfahrene Tiere genannt – erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Und zwar nicht nur bei Survival-Fanatikern und eigenwilligen Hinterwäldlern. Fleisch zu kochen, das von unabsichtlich getöteten Tieren stammt, finden jedenfalls jene, die es essen, sei besser ethisch vertretbar als Fleisch aus Tierhaltung. Klingt zwar logisch, aber stößt beim „Normalverbraucher“ auf Ekel. Zu Unrecht?

Hase: 114 kcal / 2,4g Fett

Jährlich sterben Millionen Tiere auf europäischen Straßen. Genauer gesagt: 194 Millionen Vögel und 29 Millionen Säugetiere. In Deutschland kamen 2020 knapp 200.000 Rehe durch Wildunfälle um. Kein Wunder, dass sich Menschen darüber Gedanken machen, diese Tiere zu verwerten. Ob man Roadkill überhaupt zum Eigenkonsum mitnehmen darf, hängt aber von den Gesetzen des jeweiligen Landes ab. Im Deutschland etwa darf nur der Grundeigentümer oder verantwortliche Jäger ein überfahrenes Wildtier mitnehmen und verarbeiten. Nimmt man ein überfahrenes Reh einfach mit, ohne den Jäger zu informieren, macht man sich der Jagdwilderei strafbar. Verkaufen darf man Groß- oder Kleinwild, das nicht durch Erlegen getötet wird, schon gar nicht.

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Von der Straße auf den Teller: Roadkill erfreut sich in vielen Teilen der Welt großer Beliebtheit als ethisch vertretbare Delikatesse

Eichhörnchen: 119 kcal / 3,5g Fett

In den USA ist das anders. Viele Bundesstaaten erlauben die Mitnahme von Roadkill. In Wyoming gibt es genau für diesen Zweck sogar eine App: Um überfahrenes Wild mitnehmen zu dürfen, muss man den Unfall nur über die App melden. „Off Limits“ sind nur bedrohte Arten, Grizzlybären und manche Wölfe.

Darum haben sich in den USA, aber auch in England oder Australien, regelrechte Subkulturen um den Verzehr von Roadkill gebildet. In West Virginia gibt es sogar ein Roadkill Festival, bei dem sich Gleichgesinnte zum Verzehr von Straßenrand-Delikatessen treffen – inklusive Kochwettbewerb.

Opossum: 221 kcal / 10,6g Fett

Der anfangs erwähnte Fasan spielt in dieser Geschichte übrigens noch eine größere Rolle. Max Fosch, der in seinen Youtube-Videos mit Vorliebe Grenzen überschreitet und Leuten den Spiegel vorhält, hat mit dem gefundenen Roadkill nämlich viel vor.

Das Ergebnis ist ein Video, in dem drei prominenten Foodies, darunter der frühere Sternekoch James Cochran (mit seinem neuen Restaurant 12.51 im Guide erwähnt) ein Drei-Gänge-Menü aus Fasan vorgesetzt wird. Der Clou: Max verriet den unfreiwilligen Versuchskaninchen erst nach der Verkostung, dass das Fleisch auf der Autobahn gefundenen wurde.

Erstaunlich gut reagierten dafür die Kritiker. Mängel gab es nur bei der technischen Umsetzung eines der Gerichte zu beanstanden (der frittierte Fasan war zu trocken). Cochran meinte aber, er könnte sich zumindest eines der Gerichte auf der Karte seines eigenen Restaurants vorstellen. Die große Überraschung: Vanilleeis mit Sauce aus Schokolade und Fasanleber sind eine gelungene Kombination, die sogar Cochran beeindruckte. Könnte der Roadkill-Trend also schon bald in der Sterneküche Einzug halten?

Waschbär: 211 kcal / 11,8g Fett

Froschschenkel: 73 kcal / 0,3g Fett

Das ist eher unwahrscheinlich. Es könnte aber sein, dass die Roadkill Cuisine durch mediale Präsenz und Videos, wie jenem von Fosh, zu breiterer Akzeptanz in der Bevölkerung findet. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sollte jedoch ein paar Dinge beachten.

Es versteht sich von selbst, dass wilde Tiere oft von Krankheiten und Parasiten befallen sind, darum ist eine gründliche Untersuchung vor dem Verzehr unbedingt notwendig. Zusätzlich sollte das Fleisch möglichst durchgebraten werden. Anleitungen zum Zerlegen und Rezepte gibt es für alle möglichen Tiere ja genug. Nur Vorsicht: Nichts für schwache Mägen.

*Pro 100 Gramm ungekochten Fleischs. Quellen: University of Wyoming “USDA National Nutrient Database”; University of Wyoming: “Nutritional Content of Game Meat”; University of Kentucky: “Wild Game: From Field to Table”

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